3.1.3 Verknüpfung mit dem Hauptstraßennetz
Jede Anliegerzone ist mit dem Hauptstraßennetz für die unterschiedlichen Verkehrsmittel zu verknüpfen. Zu berücksichtigen sind folgende Aspekte:
- Erreichbarkeit: Jedes Grundstück im Superblock muss mit allen Verkehrsmitteln erreichbar sein. Jede Anliegerzone benötigt daher mindestens einen ausreichend dimensionierten Knotenpunkt zum Hauptstraßennetz, wo Kfz-, Rad- und Fußverkehr sicher abgewickelt werden kann.
- Zuverlässigkeit: Zusätzliche Einmündungen verteilen die Kfz-Belastung im Nebenstraßennetz gleichmäßiger, verkürzen Anfahrtswege, reduzieren Wendemanöver und verbessern die Zuverlässigkeit bei Störungen (z. B. Baustellen).
- Verkehrsfluss: Liegen die Einmündungen zu eng beieinander, stören sie den fließenden Verkehr auf den Hauptstraßen und tragen so zur Staubildung bei. Sie erzeugen zusätzliche Konfliktpunkte zwischen allen Verkehrsarten.
- Erkennbarkeit: Jede Einmündung sollte baulich so gestaltet sein, dass der Unterschied zwischen Haupt- und Nebenstraße deutlich wird. Torsituationen oder Gehwegüberfahrten vermitteln allen Verkehrsteilnehmenden den Übergang intuitiv.
Vor diesem Hintergrund haben sich in europäischen Städten unterschiedliche Praxislösungen herausgebildet. Sie können je nach baulichen Voraussetzungen und lokalen Zielsetzungen auf Superblocks in deutschen Städten übertragen werden. Idealtypisch können die drei Modelle „Barcelona“, „Houten“ und „Berlin“ unterschieden werden:
Modell „Barcelona“
Dies ist die klassische, schleifenförmige Verkehrsführung, wie sie im schachbrettartigen Straßenraster von Barcelona erfolgreich umgesetzt wird:

(Dünne grau dargestellte Wege an den Berührungsbereichen der Schleifen sind ausschließlich dem Umweltverbund vorbehalten.)
Verkehrsführung:
- Zwei Zufahrten pro Anliegerzone für alle Verkehrsmittel
Vorteile:
- Gleichmäßige, ausfallsichere Kfz-Anbindung
- Kurze Distanzen zur Hauptstraße
- Lieferverkehr kann ohne Wendemanöver an- und abfahren
Nachteile:
- Verkehrsfluss auf den Hauptstraßen wird an jeder Einmündung gestört
- Stau auf den Hauptstraßen kann Kfz-Ausweichverkehr erzeugen
- Zahlreiche Einmündungen und Kreuzungen erhöhen das Unfallrisiko
Eignung:
- Bestandsgebiete mit gleichmäßigem Straßenraster.
Modell „Houten“
Diese Verkehrsführung wurde für die in den 1990er Jahren konzipierte Erweiterung der Stadt Houten in den Niederlanden entwickelt. Die Anliegerzonen werden durch Grünzüge abgegrenzt und haben in der Regel je eine Kfz-Zufahrt zum Hauptstraßennetz:

(Grau dargestellte Wege sind ausschließlich dem Umweltverbund vorbehalten.)
Verkehrsführung:
- Eine zentrale Zufahrt für Kfz pro Anliegerzone
- Alle weiteren Zugänge nur für den Umweltverbund
Vorteile:
- Einfache Verkehrsführung ohne jeglichen Kfz-Durchfahrtsverkehr
- Kfz-Verkehrsfluss auf Hauptstraßen wird nur durch wenige Einmündungen gestört
- Wenige Einmündungen und Kreuzungen, somit reduziertes Unfallrisiko
Nachteile:
- Zentrale Zufahrtsstraße wird stärker durch Kfz belastet und muss entsprechend ausgelegt sein
- Teilweise große Distanzen zur Hauptstraße
Eignung:
- Neubaugebiete
- Superblocks mit topografischen Grenzen, z. B. Bahntrassen und Gewässern.
Mischmodell „Berlin“
In vielen Städten ist das Straßenraster unregelmäßig. Zudem sind die als Superblock geeigneten Gebiete unterschiedlich groß und die baulichen Voraussetzungen divers. In Berlin haben sich daher individuelle Lösungen bewährt, bei denen die Einmündungen in den Superblock als Gehwegüberfahrten ausgebildet oder komplett für den Kfz-Verkehr zurückgebaut werden. Auch Abbiegegebote können neu geregelt werden:

(Dünne grau dargestellte Wege sind ausschließlich dem Umweltverbund vorbehalten.)
Verkehrsführung:
- Eine oder mehrere Zufahrten für Kfz pro Anliegerzone
- Ausgewählte Einmündungen nur für Fuß- und Radverkehr oder als Gehwegüberfahrten deutlich verkehrsberuhigt
- Ergänzende Einbahnstraßen und Rechtsabbiegegebote (vgl. orangener Pfeil oben im Bild)
Vorteile:
- Flexibel auf jedes Straßenraster im Bestand anwendbar
- Kurze Distanzen zur Hauptstraße
- Optimierter Verkehrsfluss auf den Hauptstraßen
- Weniger Einmündungen und Knotenpunkte, somit reduziertes Unfallrisiko
- Schleifenförmige Erschließungen kompensieren punktuelle Störungen im Netz
Nachteile:
- Kfz-Routen werden teilweise umständlich
- Stau auf den Hauptstraßen kann Kfz-Ausweichverkehr erzeugen
Eignung:
- Neu- und Bestandsgebiete in allen Größen.
Gestaltung von Einmündungen in den Superblock
Die Schnittstellen von Hauptverkehrsstraßen und Superblocks stellen einen wichtigen Gestaltungsbereich dar. Hier sind zwei Arten von Zugängen zum Quartier zu unterscheiden:
- Einmündungen, die allen Verkehrsarten zur Verfügung stehen (Fuß-, Rad-, Kfz-Verkehr und ÖPNV): Besonders an Zufahrten des Kfz-Verkehrs in die Anliegerzonen soll der Übergang in den Superblock klar erkennbar sein. Dies kann durch Oberflächengestaltungen, Höhenversätze sowie Elemente wie Geh- und Radwegüberfahrten oder Aufpflasterungen erfolgen, die zugleich geschwindigkeitsreduzierend wirken und den Wechsel vom Hauptstraßennetz ins Anliegernetz verdeutlichen. Das Gehwegband sollte dabei einheitlich durchgezogen werden. Fahrbahnverengungen mit Torwirkung tragen zusätzlich zur Verkehrsberuhigung bei. Eine baulich standardisierte Gestaltung der Übergänge innerhalb einer Stadt nach verkehrsplanerischen und städtebaulichen Vorgaben erhöht deren Wiedererkennbarkeit für die Verkehrsteilnehmenden.
- Zuwegungen, die nur durch den Fuß- und Radverkehr genutzt werden können: Die Einmündungen des Fuß- und Radverkehrs sind übersichtlich und sicher zu gestalten, insbesondere im Hinblick auf den kreuzenden Verkehr entlang der Hauptstraßen. Die Zuwegungen müssen so dimensioniert sein, dass Konflikte zwischen dem Fuß- und Radverkehr vermieden werden. Bei hohem Aufkommen kann eine getrennte Wegeführung erforderlich sein. Auf Umlaufsperren ist zu verzichten, da sie den Radverkehr behindern und Gefahrensituationen verursachen können. Eine gute Ausleuchtung der Wege erhöht die Sicherheit und trägt zur sozialen Kontrolle bei.
Durch eine Abstimmung der Verknüpfungspunkte unterschiedlicher Superblocks mit dem Hauptverkehrsstraßennetz können Knotenpunkte entlang der Hauptstraßen reduziert werden (siehe 3.3.1). Durch eine Feinabstimmung der für den Fuß- und Radverkehr nutzbaren Zuwegungen der Superblocks aufeinander wird eine Fortführung attraktiver Fuß- und Radwegverbindungen quartiersübergreifend gefördert (siehe Verkehrsverdunstung in Kapitel 2.2 und Vernetzung von Superblocks in Kapitel 3.3). Hierbei ist auch die Umwegeempfindlichkeit zu berücksichtigen (siehe in Kap. 3.2.3).
Fototafel Gestaltung von Einmündungen in den Superblock
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Bei den Mengenverhältnissen Anliegerverkehr vs. DV auf den HVS ist die Behauptung „Staugefahr auf HVS“ nicht nachvollziehbar, erst recht nicht hier, wo nur wenige Anliegerstraßen erschlossen werden.
Mehrbelastung der HVS wird an anderer Stellen in der ESu ja auch widerlegt)
Auch erhöhte Unfallgefahr ist wegen dem schwachen Anliegerverkehr nicht nachvollziehbar
Da in Städten die meisten Radunfälle an Kreuzungen und Einmündungen beim Rechtsabbiegen stattfinden (ca. 70% [?]) , stellt also jede für den Kfz-Verkehr zugelassene Einfahrt in einen Superblock eine für den Radverkehr potenziell sehr gefährliche Straßensituation dar. Daher trägt der Wegfall von Kfz-Einmündungen in den Superblock (selbst bei „schwachem“ Kfz-Anlieger*innen-Verkehr) einen deutlichen Zugewin für den Radverkehr dar.Veilleicht könnte dieser Aspekt durch eine entsprechende Fußnote erläutert werden, damit die Nachvollziehbarkeit dieses Nachteil-Argumentes in Hinblick auf die Unfallgefahr verbessert wird.
Zusätzlicher Hinweis zur Skizze: Vielleicht sollte in der Skizze noch eine oder zwei weitere Einmündungen für den Kfz-Verkehr entfallen, damit z.B. der Aspekt der reduzierten Unfallgefahr besser deutlich wird (weil schneller ersichtlich).
Nicht verständlich: Wohin weicht der Ausweichverkehr bei aktiven Superblocks aus?
Zur Erläuterung auf Tobias Frage: Wenn auf einer parallel zu einem Superblock verlaufenden Hauptstraße ein Stau auftritt, dann weicht der Kfz-Verkehr auch auf Nebenstraßen im Superblock aus, um diesen Stau zu „umfahren“ (Beispiel zu Abb. 6: Stau auf der Hauptstraße zwischen 1 und 3 bewirkt eine „Umfahrung“ über die rot markierte Nebenstraße des Superblocks).Auch hier ist vielleicht eine Fußnote (oder eine etwas ausführlichere Beschreibung des Sachverhaltes im Text) zur besseren Nachvollziehbarkeit sinnvoll.
Preiswert und schnell umsetzbar bei maximaler Steigerung der Lebensqualität, Luftqualität, Ruhe und Sicherheit. In Houten gab es in den letzten 40 Jahren keinen schweren Unfall.
Es eignet sich hervorragend für ganze Städte. Es braucht dazu nur eine Umgehungsstraße. In Norwegen ist dies gefühlt Standard.
Siehe oben: Gehwegüberfahrten sollen Standard sein beim Anschluss von untergeordneten Straßen. Das betrifft nicht nur den Berliner Standard.
Zu B.1 Gehwegüberfahrung
Hinweis:
Gefährlich für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen, die nicht wissen, dass sie eine Gehwegüberfahrt queren und mit KFZ-Verkehr rechnen müssen. Bodenindikatoren dürfen nicht auf Gehwegüberfahrten verwendet werden. Bitte Gehwegüberfahrten vorzugsweise gemäß Stand der Technik (DIN 32984, 5.3.6.3), zumindest aber (in Berlin) gemäß AV G+R, Anlage 2, gestalten.
Zu B.2 Torsituation:
Hinweis:
Mischverkehrsflächen bitte grundsätzlich vermeiden. KFZ-Verkehr und Radverkehr halten die gebotenen Schrittgeschwindigkeit nicht ein. Zum hohen Unfall- und Konfliktrisiko bei Mischverkehrsflächen siehe oben. Menschen mit Behinderungen meiden Mischverkehrsflächen und neigen zu Rückzugsverhalten.
Zu B.3 Zurückgebaute Einmündung:
Hinweis:
Positiv: Beidseitig weiterhin ein eigenständiger Gehweg
Negativ: Keine barrierefreien Querungen
Zu B.4 Abbiegegebot
Hinweis:
Keine barrierefreie Querungsmöglichkeit für den Fußverkehr erkennbar. Hohes Unfall- und Konfliktrisiko.